vorfall schwangerschaft

 

 

Ich kann gar nicht genau sagen, welcher der schlimmste Moment war. War es der Gang zur Toilette, bei dem ich genau wusste, wie es ausgehen wird? Bei dem ich wusste, dass wenn ich gleich das ganze Blut sehe, es vorbei ist. War es der Moment, in dem ich im Sand des Beachcafes lag, meine Mutter mir sagte, dass ich nun für Alma stark sein muss und meine kleine Tochter im Hintergrund auf dem Schoss meines Bruders sah? Oder war es der Moment im Krankenwagen, als der Sanitäter mich mit seinen Worten „Ja, wahrscheinlich haben Sie ihr Baby verloren“ bestätigte?

Der schönste Moment war aber eindeutig! Eindeutig der Moment, in dem der Arzt im Krankenhaus feststellt, dass das Baby gesund und munter, die Fruchtblase unbeschädigt und der Muttermund zu ist. Ein Moment, der mich zusammenbrechen lies. Denn, ja vielleicht war „das Schlimmste“ gar kein Moment, sondern eher, dass ich und alle um mich herum mit dem absoluten Schlimmsten gerechnet haben. Seit Dienstag letzter Woche, seitdem wir den Tag und die Nacht voller Wehen und Blutverlust überstanden haben, grenzt es fast an ein Wunder, dass das Baby mir in der darauffolgenden Nacht zufrieden auf dem Ultraschallbild zuwinkte.

Dies ist wohl einer meiner schwierigsten Texte. Meine Worte zu wählen nicht leicht. Erstens, weil dieser Schreck so tief sitzt und zweitens möchte ich nicht zu weit ins Detail gehen. Diese Geschichte ist nun ein Teil von mir und wird mich für immer begleiten, sie macht mich so verletzlich, wie nichts anderes und muss daher beschützt werden. Und trotzdem habe ich mich zwischen den beiden Optionen: „Ich erzähle es nicht und mache einfach so weiter wie bisher“ oder „Ich gehe damit, was passiert ist, offen um“ für das Letztere entschieden. Denn auch hier sehe ich es als meine Pflicht an, aufzuklären und euch, den Menschen, die uns durch unser Leben begleiten, Höhen und Tiefen mitbekommen, zu zeigen, dass man auch solche Momente irgendwie übersteht. Also werde ich euch heute sagen, was passiert ist und freue mich, wenn meine Zeilen ausreichen, um euch (soweit es für mich möglich ist) aufzuklären.

Vor fast einer Woche bekam ich morgens leichte Wehen. Vormittags lag ich am Strand und ruhte mich aus – mir ging es wieder besser. Also entschied ich mich, ins Beachcafe zu gehen, um dort ein wenig am Laptop zu arbeiten. Zum Mittag kam meine Familie dazu, damit wir zusammen etwas essen können. Doch auf einmal merkte ich, dass ich unkontrolliert und in sehr großen Mengen Blut verlor. Der Notarzt kam und brachte mich ins Krankenhaus. Dort stellten sie fest, dass alles in Ordnung ist, ich aber viel Blut verloren habe und durch die Wehen, die immer wieder kamen trotzdem die Nacht über um mein Baby bangen muss. In der 16. Schwangerschaftswoche, so sagten sie es mir, konnten sie mir noch nichts gegen die Wehen geben. Ich blieb und hielt die Nacht aus. Die Wehen und die Blutungen wurden weniger. Am nächsten Tag durfte ich wieder zu meiner Familie ins Ferienhaus. In der darauffolgenden Nacht fing es aber erneut an und so musste ich wieder zurück ins Krankenhaus. Beim zweiten Mal war ich – und damit habe ich nicht gerechnet – aber sehr viel ruhiger, da ich das Ultraschallbild des gesunden Babys vor Augen hatte, dass sich von der ganzen Unruhe nicht beeindruckend ließ – hoffentlich. Aber so war es auch. Im Krankenhaus fanden sie wieder keine Ursache, nur verschiedene Vermutungen: Plazenta Praevia in Kombination mit einer Plazenta Bipartita, Gebärmutterhalsverletzungen, Mikroriss im Mutterkuchen, angesammeltes Blut, dass sich von einem kleinen Unfall mit Alma von vor zwei Wochen sammelte, eine zweite kleine Fruchthöhle, die erst jetzt abgestoßen wurde… es kann mir keiner sagen, woher es kommt. Keiner weiß, ob es nun vorbei ist oder immer wieder kommt. Vielleicht war es eine Verletzung, die bis heute (sechs Tage nach dem Unfall) nachblutet und ab morgen ist es vorbei. Vielleicht gehe ich aber nächste Woche eine Runde um den Block und merke wieder, wie ausgeliefert man sein kann, wenn es erneut losgeht.

Diese Angst vor der kommenden Zeit, die vielen Fragen, die vielen Arztbesucht und die Ruhe, die mir verordnet wurde, das Verbot zu heben, meine Tochter nicht mehr auf den Arm nehmen zu dürfen und nicht mehr ausreichend für sie da sein zu können, die Sorge um das Baby, die machen mich ganz kirre.

In Almas Schwangerschaft bin ich in der 35. Schwangerschaftswoche gestürzt. Ich bin ausgerutscht und auf meinen Bauch gefallen. Ich war selber schuld, auch, wenn ich dafür natürlich eigentlich nichts konnte, aber ich habe daraus gelernt… Ich würde nie wieder schwanger auf nasse Duschfliesen gehen und ausrutschen. Doch aus meinem Unfall von letzter Woche kann ich nichts lernen, ich kann es nicht beeinflussen, kann nur hoffen und vertrauen.

Vertrauen, dass ich nie wieder solche Angst um das Leben meines Babys und um meins haben muss. Denn, wenn du realisierst, dass du deinem Körper ausgeliefert bist und keiner feststellen kann, woher das ganze Blut kommt, dir nur gesagt wird, dass du die Augen aufhalten musst und du verschwommen im Hintergrund deine zweijährige Tochter siehst, dann bekommt das alles noch mal eine ganz andere Bedeutung. Denn in meiner Situation ist da nicht nur das ungeborene Baby, dass ich beschützen möchte, sondern in erster Linie ist da meine Tochter, die ihre Mama braucht. Heute, morgen und übermorgen. Daher versuche ich meinen Kopf auszuschalten und fest daran zu glauben, dass es nur ein großer Schreck war, eine kurze, fiese Erinnerung an unser Glück, für das wir mehr als dankbar sein können.