Liegst du gerade völlig platt auf der Couch und fragst dich zunehmend verzweifelt, ob du in diesem Leben jemals wieder guten Sex haben wirst oder ob du von jetzt an dazu verdammt bist, mit dem Eingeschlafene-Füße-Sex zu leben, der sich in den letzten Jahren in deine Beziehung eingeschlichen hat? 

Die gute Nachricht ist: Du bist nicht alleine mit diesem Thema. Eine Umfrage von Nina auf Instagram hat ergeben: Viele von euch träumen heimlich von wildem Sex mit fremden Menschen, von einer offenen Beziehung, vom Besuch im Swingerclub oder auch einer Affäre. Doch obwohl sich so viele Anderes wünschen als 08/15-Sex mit der*m immer gleichen Partner*in, trauen sich die wenigsten, ihre sexuellen Fantasien mit ihrem Herzensmenschen zu besprechen. 

Wie du deine sexuellen Fantasien voll und ganz ausleben kannst, dazu habe ich mit dem erfahrenen Beziehungscoach Dominik Borde von der Beziehungs Academy SozialDynamik gesprochen. 

Ein paar Dinge vorweg

Dominik möchte zuerst all denjenigen von uns den Stress nehmen, die gerade zwischen Windelbergen und Wäschehaufen untergehen und sich sehr ernsthaft fragen, warum die Bundesregierung immer noch keine Gutscheine für Haushaltshilfen und 100 Stunden Physiotherapie für frischgebackene Eltern ausgibt: „Wenn du viel zu viel zu tun hast, ob im Job oder weil ihr Kinder bekommen habt oder weil die Corona-Pandemie euch das Leben schwer macht, ist es normal, wenn ihr keine Lust auf Sex habt. Es gibt solche Phasen im Leben.“ Wichtig ist es nur, so der Coach, trotzdem körperliche Berührungen zu erhalten. „Denn je länger Paare keinen Sex haben, umso eigenartiger wird auch alles andere, was damit zu tun hat, also gegenseitige Berührungen im Alltag, zärtlich sein, miteinander flirten. Und dann wird es mit der Erfüllung der sexuellen Fantasien nicht leichter, wenn ihr irgendwann wieder Zeit dafür habt.“

Einer der wichtigsten Gründe dafür, dass wir uns trotz all unserer Fantasien nicht trauen, mit unseren Partner*innen darüber zu sprechen, ist laut Borde, dass wir immer mehr zu verlieren haben, je länger die Beziehung besteht. „Wenn Paare sich kennenlernen, probieren sie aus, was gefällt ihr, was gefällt ihm. Das ist die sexuelle Komfortzone. Dann machen sie das immer wieder, bis es langweilig wird. Bis dahin hat das Paar schon einiges zusammen aufgebaut, einen Freundeskreis, einen gemeinsamen Haushalt, vielleicht gibt es Kinder. Je mehr von diesen Alltagsritualen uns verbinden, umso gefährlicher wird es, wenn im sexuellen Bereich etwas Neues passieren soll, das die Beziehung möglicherweise sprengt.“ 

Wer nichts riskiert, riskiert am Ende alles zu verlieren

Der Coach möchte trotzdem dazu ermutigen, das Gespräch zu suchen. Denn so sehr wir uns davor fürchten mögen, was unser*e Partner*in dazu sagt, wenn wir auf einmal davon sprechen, dass wir den Sex gerne mal anders hätten, wilder, ausgefallener oder vielleicht sogar mit Fremden – wenn wir uns das nicht trauen, gibt es vielleicht irgendwann keine*n Partner*in mehr, mit dem wir diese Wünsche besprechen können. 

„Es gibt vielleicht Fantasien, die scheinen uns so ausgefallen, dass wir sie lieber für uns behalten möchten. Auch das ist okay, wir müssen nicht alles teilen und in manchen Fällen kann es beziehungserhaltend sein, manche Ideen nur in der Fantasie auszuleben. Doch wenn du sexuelle Fantasien hast, die du wirklich gerne mit deinem Partner oder deiner Partnerin ausleben möchtest, dann trau dich, diese anzusprechen. Wer nichts riskiert, der riskiert am Ende alles zu verlieren und die Beziehung an die Wand zu fahren. Also hört lieber auf, diese Gedanken zu verteufeln und traut euch, offen darüber zu sprechen und mit eurem Partner oder eurer Partnerin auszuloten, wie eure Fantasien Wirklichkeit werden können.”

Der Coach ist überzeugt, dass eine Beziehung auf Augenhöhe einen solchen Schritt aushalten kann: “Das klingt altmodisch, aber die Basis einer erfüllten Sexualität ist Vertrauen. Eine Beziehung, in der man sich traut, verletzlich zu werden und über intime Wünsche zu sprechen, die unbequem anzusprechen sind. Denn genau an dieser Grenze beginnt auch die Chance zur Weiterentwicklung über das Übliche und Gewohnte hinaus.”

Der erste Schritt ist schwer, aber es lohnt sich

Der Coach erzählt die Geschichte eines Paares, das zu ihm ins Coaching kam. „Die Frau hatte auf dem Handy ihres Mannes Fotos von Frauenfüßen in schicken Schuhen gefunden. Er wollte aber partout nicht zugeben, dass er diese Fotos heruntergeladen hatte. Im Coaching traute er sich schließlich, sich und seiner Partnerin einzugestehen, dass er einen Fußfetisch hat. Für seine Partnerin war das in Ordnung.” 

Die beiden gingen einkaufen, sie bekam schicke Schuhe, er seinen Fetisch. „Aber der erste Schritt, so etwas zu sagen und auszuleben, wenn du dich schon lange kennst, ist natürlich schwer. Dabei sind sexuelle Bedürfnisse absolut nichts, wofür wir uns schämen müssen. Sex bedeutet Lust auf Leben, und unsere sexuellen Fantasien sind eine Einladung dazu, mit unserem Körper und unseren Partnern oder Partnerinnen in Kontakt zu treten und sich gemeinsam lebendig zu fühlen.“

Ein Anfang für ein Gespräch über sexuelle Fantasien könnte sein, gemütlich bei einem Glas Wein zusammen mit dem Partner oder der Partnerin Fragen zu sexuellen Wünschen durchzugehen. „In unserem Love Life Master-Programm, in dem es darum geht, zu lernen, wie glückliche Beziehungen funktionieren, haben wir einen Fragenkatalog von 400 Fragen zu sexuellen Wünschen, den jede*r für sich beantworten und dann mit dem*der Partner*in abgleichen kann. Dabei kann es viele Überraschungen geben und möglicherweise bekommt ihr dabei auch noch einige Ideen, von denen ihr bisher noch nichts gehört habt.“ 

Braucht es wirklich den Swingerclub?

Doch was ist, wenn bei diesen Gesprächen herauskommt, dass der Partner oder die Partnerin Lust auf Sex mit Fremden hat? Offene Beziehung, Swingerclub oder Affären haben alle das Potenzial, eine Beziehung zu zerstören. Borde hat dazu einen guten Rat: „Ich glaube nicht, dass Paare tatsächlich einen Swingerclub brauchen, um langfristig glücklich zu sein. Bei allen sexuellen Fantasien ist es doch so, dass die meisten noch immer davon träumen, ein Leben lang eine treue Beziehung mit dem oder der Einen zuführen. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Die Frage ist: Was braucht ihr, um euch von eurem Partner oder eurer Partnerin wieder begehrt zu fühlen? Darum besprecht miteinander, was davon ihr euch wirklich vorstellen könnt, umzusetzen. Wenn es euch zu gefährlich ist, tatsächlich eine offene Beziehung zu führen oder in einen Swingerclub zu gehen, könnte es eine Option für euch sein, monogamisch zu leben.“ 

Monogamisch bedeutet, ihr lebt nicht angepasst an eine sexuelle Norm von monogam, sondern so, wie es euch als Paar gefällt und gegenseitig Spaß macht, zum Beispiel: Ihr lebt eure Fantasien vom Fremdgehen gemeinsam in Gedanken aus, körperlich bleibt ihr euch aber treu! Ihr bewahrt euch also die Geborgenheit und Sicherheit eurer monogamen Beziehung, erlaubt euch aber, die Eintönigkeit eures Alltags durch sexuelle Stimulation von außen aufzubrechen. 

Sprechen ist erlaubt, Berühren bleibt tabu

Ein Beispiel: Wenn ihr zusammen im Restaurant seid und du bemerkst, dass der Kellner deine Frau attraktiv findet, animierst du deine Partnerin dazu, mit dem Mann zu flirten. Ihr sprecht über den flotten Dreier, den ihr mit dem Kellner haben könntet – und nehmt diese Gedanken mit nach Hause. Der Kellner bleibt im Restaurant! Zu Hause darf sie die Augen schließen und sich vorstellen, wie sie von dem Kellner und dir berührt wird. 

Wenn du vom Besuch eines Swingerclubs träumst oder vom Sex mit einer Fremden, habe den Mut, deinem*r Partner*in von diesen Gedanken zu erzählen. Vielleicht wünscht er oder sie sich ebenfalls, gemeinsam mit dir die altbekannten Grenzen zu überschreiten. Dann könnt ihr kreativ werden. Entweder ihr besucht tatsächlich einen Swingerclub oder einen Tantra-Workshop und lasst euch von der erotischen Atmosphäre und der sexuellen Energie inspirieren. Oder ihr meldet euch bei einem Live-Webcam-Portal an und lasst euch so heiß machen. Ihr allein bestimmt, wie eure monogamische Beziehung aussehen soll!

Natürlich braucht es seine Zeit, um auf eine solche Weise in eine neue Gedankenwelt einzutauchen und Eifersucht und Verunsicherung können dabei definitiv eine Rolle spielen. Aber wenn es euch gelingt, eure Sorgen in diesem Prozess nicht als etwas Bedrohliches wahrzunehmen, sondern als natürlichen Part der Entstehung einer ganz neuen Art von Liebe, die es euch ermöglicht, gesichert die zwei elementaren, aber auch sehr widersprüchlichen Bedürfnisse nach Sicherheit und Abenteuer in eurer Beziehung zu vereinen, wird euch das langfristig ein deutlich erfüllteres Liebesleben ermöglichen.

Eigentlich willst du nur guten Sex mit deinem Herzensmenschen?

Swingerclub, Affären oder sonstige Seitensprünge sind dir alles zu viel und du willst eigentlich nur endlich wieder guten und leidenschaftlichen Sex mit dem Mann oder der Frau haben, den du über alles liebt und mit dem oder der du Händchen haltend alt werden möchtest? Wenn es allein der Alltag ist, der euch jede Lust auf Sex raubt, dann überlegt einmal genau, welche kleinen Veränderungen euch dabei helfen könnten, auch im stressigen Alltag hin und wieder zu euch zu finden. 

Dominik Borde erzählt dazu die Geschichte von einer Mutter, die zu ihm ins Coaching kam: „Sie hatte Drillinge bekommen und wusste beim besten Willen nicht mehr, woher sie die Zeit und Energie für Sex mit ihrem Mann nehmen sollte.,Eines der Babys hängt immer an mir und am Ende eines Tages bin ich erledigt!‘, sagte sie. Ich habe sie gefragt, welche Veränderung ihr helfen würde, die maximal zwei bis drei Minuten ihrer Zeit in Anspruch nimmt. Nach ein paar Tagen kam sie wieder ins Coaching und berichtete mir, dass sie eine Möglichkeit gefunden hatte, die Verbindung zu ihrem Mann wieder aufzunehmen.

Jeden Morgen, wenn er das Haus verließ, und jeden Abend, wenn er nach Hause kam, nahm sie sich zwei, drei Minuten Zeit, um ihn so liebevoll wie nur möglich zu verabschieden und willkommen zu heißen und ihn spüren zu lassen, dass er der wichtigste Mensch in ihrem Leben ist. Sie nahm ihn in den Arm, die beiden küssten sich und sagten sich gegenseitig, dass es schön sei, sich wiederzusehen.,Und du glaubst es nicht, Dominik, manchmal haben wir jetzt sogar wieder Sex‘, erzählte die Frau.“

Wir wünschen uns…

Und das ist es doch, worum es bei aller Sex-Akrobatik wohl den meisten von uns geht. Wir wünschen uns, die lebendige und liebevolle Verbindung zu unserem Herzensmenschen am Leben zu erhalten, deren Ausdruck leidenschaftlicher und liebevoller Sex ist. Wir wünschen uns, gesehen, gehört, verstanden und geschätzt zu werden. Und manchmal heißt all das eben auch nur, abends gemeinsam auf einer Decke zu liegen, die Hand des anderen zu halten, in Ruhe die Wärme und die Liebe zu spüren und dabei ganz langsam wieder bei sich selbst anzukommen. 

Mehr über Dominik und seine Arbeit, findest du hier.