Sexarbeit interview

Vielverheißende Blicke, eine kleine Berührung am Arm, dann nimmt sie deine Hand und ihr geht auf ihr Zimmer. Ihr Bewegungen sind der Hammer und ihr habt ein paar heiße Stunden zu zweit. Später ziehst du dich an – befriedigt und glücklich, verabschiedest dich und legst das Geld auf den Tisch. So läuft es zumindest in Hollywood-Filmen ab.

Wie es in der Realität aussieht, hängt ganz vom Arbeitsort und den Lebensumständen der Sexarbeiter*innen ab. Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2019 circa 40.400 Prostituierte legal angemeldet, die Dunkelziffer liegt nach unterschiedlichen Schätzungen sogar bei bis zu 400.000 Sexarbeitenden. 

Nach wie vor ist Sexarbeit in weiten Teilen der Gesellschaft moralisch verrufen und wird mit Menschenhandel gleichgesetzt. Aktuell ist sogar ein Prostitutionsverbot nach dem nordischen Modell im Gespräch. Das beinhaltet, dass „das Angebot sexueller Dienstleistungen legal, deren Wahrnehmung aber verboten ist. Es kriminalisiert, anders als bisher, in erster Linie die Freier und nicht die Prostituierten.“

Doch es gibt auch Menschen, die freiwillig und gern als Sexarbeitende ihren Lebensunterhalt verdienen.Einige davon organisieren sich in dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. (BesD e.V.).  Auch Frau Ebeling ist Sexarbeiterin, Mitglied des BesD e.V. und koordiniert unter anderem die Presseanfragen.

Macht Sex glücklich(er)?

Definitiv! Sex trägt zum Wohlbefinden bei, auch wenn er in unserer Gesellschaft noch immer stark tabuisiert ist – zumindest, was den Kauf von Sex betrifft. Nähe, Zärtlichkeiten, Umarmungen und Gespräche zählen zu den Grundbedürfnissen, deren Ausleben jedoch beispielsweise infolge zunehmender Vereinnahmung durch den Job oder durch ein Singledasein immer mehr zum Luxus wird. Umso bedeutsamer ist die Sexarbeit, wodurch unter anderem Zuwendung erfahren werden kann. Außerdem setzt erfüllender Sex erwiesenermaßen Glückshormone frei.

Was kostet in Berlin durchschnittlich für einen männlichen Kunden Sex mit Kondom?

Das ist ganz unterschiedlich und kann je nach gewünschter Dienstleistung individuell variieren. Die Sexarbeiter*innen legen ihr Honorar selbstbestimmt fest. Es gibt allerdings für verschiedene Bereiche gewisse Preisniveaus, an denen sich orientiert werden kann. So liegt der Preis in Berlin durchschnittlich zwischen 50 und 250 Euro.

Was sollte er in Ihren Augen eigentlich kosten?

In meinen Augen sollte jede/r den Preis so festlegen, wie es die betreffende Person für sich selbst als angemessen empfindet bzw. so, dass man sich damit gut fühlt und man den Preis für sich selbst vertreten kann.

Wie ist der übliche Einstieg als Sexarbeiter*in?

Laut Forschungsstudien ist das Geld der Hauptgrund, mit der Sexarbeit zu beginnen. Das betrifft sowohl Frauen mit Schulden, alleinerziehende Mütter auf Hartz IV oder Migrant*innen mit wenig Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, die ihre Familie ernähren wollen. Jede/r hat seine/ihre eigenen Beweggründe, welche die Branche der Sexarbeit für ihn/sie attraktiv macht.

Wie sind Sie zur Sexarbeit gekommen?

Als alleinerziehende Mutter war und ist diese Branche für mich besonders attraktiv. Die freie Zeiteinteilung und ein guter Verdienst ermöglichen es mir, für meine Kinder zu sorgen und qualitativ Zeit mit ihnen zu verbringen. Außerdem war ich schon immer sehr aufgeschlossen und experimentierfreudig. Die Neugier, meine Leidenschaft zum BDSM sowie das Ausleben dieser, aber auch wirtschaftliche Gründe sowie das selbstbestimmte Arbeiten in dieser Branche haben mich zur Sexarbeit geführt.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie erzählt haben, dass Sie Sexarbeiter*In sind?

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Während meine Mutter im ersten Moment entsetzt und abweisend reagierte, konnten meine Kinder, nachdem ich sie ab einem gewissen Alter davon in Kenntnis setzte, von Anfang an gut damit umgehen. Generell würde ich raten, vom Alter der Kinder abhängig, ganz offen und ehrlich meine Beweggründe zu schildern und bestehende Fragen direkt zu beantworten.

Gibt es viele Eltern unter den Sexarbeiter*Innen?

Die Zahl an Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen, welche ein Elternteil sind, ist relativ hoch.

Wie hoch ist der prozentuale Anteil von männlichen Sexarbeitern?

Den Beratungsstellen zufolge ist der Anteil an männlichen Sexarbeitern mit 6 bis 7 Prozent beziffert. Fast genauso viele Trans-Sexarbeitende gibt es.

Welche Art Frauen nehmen die Dienste von Sexarbeiter*Innen in Anspruch?

Es ist sehr erfreulich, dass immer mehr Frauen aus allen Gesellschaftskreisen und jeglichen Bildungsstandes als Kundinnen das Angebot der Sexarbeit für sich annehmen und nutzen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Wie laufen die Kontaktaufnahme und Bezahlung meist ab? 

Es ist sehr einfach, Kontakt aufzunehmen. Online bieten sich hierfür verschiedene Optionen durch spezielle Online- bzw. Werbeportale oder eigene bzw. die Homepage der Prostitutionsstätten, welche auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichtet, eine gezielte Suche ermöglichen. Über das entsprechende Profil erhält man schließlich die Kontaktdaten und kann Kontakt per Mail, WhatsApp, SMS oder Telefon aufnehmen, um einen Termin zu vereinbaren. Die Bezahlung erfolgt meistens direkt vor Ort, es sei denn, es wird vorab eine Anzahlung von dem/der Sexarbeiter*in gewünscht.

Wie kam der Kontakt zum BesD e.V. und schließlich zur Stelle des Presseleiters?

Ich bin schon seit Längerem Mitglied beim BesD und engagiere mich dort ehrenamtlich aktiv in verschiedenen Bereichen. Ich finde die Pressearbeit spannend. Bei uns kommen ganz viele Stimmen zu Wort.

Wie viele Sexarbeiter*innen sind im BesD e.V. organisiert?

Derzeitig sind um die 700 Sexarbeiter*innen im BesD organisiert. Es ist der größte Verband Deutschlands. Die Mitgliederzahl ist steigend.

Versuchen Sie Kontakt zu Sexarbeiter*innen aufzunehmen, die eventuell unter

Zwangsprostitution leiden?

Nein, dafür sind spezielle Hilfsorganisationen zuständig. Der BesD setzt sich für die legale Sexarbeit ein und versucht, aktiv die Zwangsprostitution zu verhindern.

Was halten Sie vom nordischen Modell?

Das nordische Modell stellt keine Option und erst recht keine Lösung dar. Sexarbeit würde noch unsichtbarer und in die Illegalität abgedrängt werden. Für Sexarbeiter*innen gäbe es keinen Schutz und kein sicheres Arbeiten mehr, sie könnten ihre Leistungen nicht mehr geltend machen. Außerdem wären Wohnungslosigkeit und fehlende Einkommensnachweise sowie fehlende Bonität nur einige der fatalen Folgen. Zwangsprostitution würde gefördert werden, kriminelle Strukturen mehr Raum erhalten, Gewalt, Erpressung zunehmen.

Wie wirkt sich Corona auf die Lage der Sexarbeitenden aus?

Das Tätigkeitsfeld hat sich teilweise digital verlagert, insofern das möglich ist (Online-Sessions, Telefonsex, Geschichten schreiben, kleine Clips drehen). Das ist jedoch nicht für alle Sexarbeiter*innen gegeben. Viele Sexarbeitende bekommen staatliche Unterstützung und sind in dieser Zeit finanziell abgesichert. Problematisch ist es für all jene Sexarbeiter*innen, die durch das Raster der staatlichen Hilfen wegen fehlendem Wohnsitz in Deutschland fallen. Sie sind teils gezwungen, ihren Lebensunterhalt, trotz Prostitutionsverbot, durch das illegale Ausüben der Prostitution zu bestreiten.

Was halten Sie vom Prostitutionsverbot während Corona?

Natürlich gilt auch für unsere Branche ein solidarisches Miteinander gegenüber allen anderen Branchen. Die Pandemie einzudämmen und das Allgemeinwohl zu gewährleisten, hat oberste Priorität. Das derzeitige Prostitutionsverbot befürworte ich absolut und stehe dahinter. Jedoch sollte bei einer Wiedereröffnung der Branchen auch die Sexarbeiterbranche von einer Gleichbehandlung gegenüber anderen körpernahen Dienstleistungen profitieren können und dann ebenfalls ein solidarisches Miteinander gelten, so dass nicht wieder jedes Bundesland die Wiedereröffnung einklagen muss.

Info:

Prostitutionsverbot während Corona

Während des aktuellen sowie während des ersten Lockdowns Anfang 2020 ist und war Prostitution verboten. Das gilt für sexuelle Dienstleistungen, die in „Anwesenheit“ stattfinden. Video-Calls, etc. sind davon nicht betroffen. Des Weiteren sind Prostitutionsstätten komplett geschlossen.

Prostitutionsverbot nach nordischem Modell

Das nordische Modell bedeutet, dass nicht die Sexarbeit verboten ist, sondern der Kauf von sexuellen Dienstleistungen. Damit werden die sogenannten Freier und nicht wie bisher die Sexarbeitenden kriminalisiert.