kinder Beziehung

 

 

Ich habe in fast drei Jahren Mutterschaft noch kein einziges Mal in einen Elternratgeber geschaut. Nicht, weil ich mich für die Größte halte, sondern, weil ich nicht dazu kam. Denn auch bei den wenigen Malen, in denen ich wirklich kurz nicht weiterwusste, ist das Fragezeichen auf meiner Stirn schnell geschwunden. Dann, wenn ich gemerkt habe, dass das meiste, was mich zweifeln lässt und das Leben mit Kind(ern) anstrengend macht, mit einer großen Portion Gelassenheit beiseitegeschoben werden kann. Ob es das Thema Einschlafen ist, am Schnuller nuckeln, Fernsehen gucken, Flaschen trinken, Schokolade essen. Ob in Mamas Bett schlafen, gar nicht schlafen, mittags nicht schlafen oder das immer sitzen wollen im Kinderwagen. Alles wird weniger schlimm, wenn man es nicht so eng sieht.

 

Überall wo wir sind, hören wir, dass Alma extrem gelassen ist. Und ja, dass ist sie. Sie konnte sich schnell selber beschäftigen, hat schnell gut geschlafen und Essen war nie ein Problem. Doch es ist ganz klar: wenn dies so ist, hat es sicherlich zum größten Teil mit dem Charakter eines jeden Kindes zu tun und ich bin gespannt, wie es bei Bruno werden wird. Ich bin mir sicher, dass es besonders für uns Eltern auch sehr wichtig ist, wie wir mit vielen Situationen umgehen. Ob wir uns selber stressen (lassen), merkt auch unser Kind und so ist keinem geholfen. Daher versuche ich von Anfang an, alle Regeln, Ratschläge und Normen, in die unsere Kinder gerne gedrückt werden beiseite zu schieben und mein/unser eigenes Ding zu machen – und das klappt ziemlich gut.

Schon in der ersten Schwangerschaft hörte ich links und rechts immer wieder Ratschläge von (manchmal sogar nicht-) Eltern, wie man sein Kind zu erziehen hat. Es hieß, dass man wirklich aufpassen sollte, dass das Kind mittags immer am gleichen Ort schläft, nicht zu lange schläft, nicht ständig getragen werden sollte, dass das mit der Saugverwirrung wirklich böse enden könnte, ein Schnuller wirklich keine (oder die einzige) Option wäre. Im Elternbett zu schlafen wirklich das Schlimmste für die Beziehung ist und Zucker im ersten Jahr doof macht. Fernsehen gucken ist eh der Endgegner und Kinder, die zum Einschlafen eine Flasche brauchen, ja, von denen fängt man erst gar nicht an. Also war ich schon damals, mit dickem Bauch und null Erfahrungen, maximal verunsichert. Wie kann ich denn nur so viele Regeln beachten und trotzdem noch individuell schauen, was mein Kind gerade braucht? Ich sags euch: gar nicht. Denn all diese Ratschläge sind totaler quatsch und die könnt ihr euch (falls ihr die Nerven dazu habt) gerne anhören und dann gleich wieder vergessen, denn keine Mama und kein Papa benötigt eine Anleitung für die richtige Elternschaft.

Wir wachsen in die Situation hinein und verstehen ganz schnell, was unser Kind gerade möchte. Wir brauchen dafür nicht unbedingt ein Lehrbuch und erstrecht nicht die Meinungen von unqualifizierten Bekannten. Trotzdem kann es natürlich hilfreich sein, den einen oder anderen Elternratgeber zu lesen – oder nach Gefühl zu handeln. Bei uns gibt es kaum Verbote, dafür aber Regeln und damit fahren wir – bis jetzt – richtig gut.

Also darf Alma Fernsehen gucken, Süßigkeit essen, im Bett eine Flasche trinken, bei uns schlafen, wenn sie es möchte. Sie darf anziehen, was sie möchte, sie darf Schnuller nutzen so lange sie möchte, sie darf im Bett Youtube gucken. Aber alles in Maßen und mit kleinen Einschränkungen. Was das bedeutet? Alma darf, wenn sie will ihre Serien auf Netflix gucken. Dafür sagt sie uns, was sie gucken möchte und wir machen es ihr an. In der Regel eine Folge und dann wird ausgemacht. Sie verabschiedet sich dann von der Serienfigur und weiß, dass sie kein Theater machen muss, weil sie bald wieder gucken darf. Alma darf Süßigkeiten essen, wenn sie fragt und wir entweder gerade gegessen habe oder wir Einkaufen sind und sie sich etwas aussuchen darf. Meistens sind das auf dem Markt Kekse oder wir reden über ein Stück Schokolade als Nachtisch. (Kleine Tricks ermöglichen uns hier aber, dass wir noch weniger Zucker in sie hineinbekommen… und zwar eingefrorenes Obst, dass wir ihr als Eis verkaufen und sie auch dankend annimmt, wenn sie etwas Süßes haben möchte.) Beim Anziehen ist es ähnlich, da darf sie frei wählen, weiß aber, dass Hausschuhe nicht draußen angezogen werden dürfen. Warum erkläre ich ihr in Ruhe und treffe meistens auf Verständnis. Und, hey, wenn sie im Sommer draußen eine Wollmütze aufsetzen will, dann soll sie das halt machen, sie merkt schon, dass das zu warm ist und wird sie von alleine wieder absetzen. Wo geschlafen wird, ist uns relativ egal, was aber höchstes Gebot ist: wenn Schlafenszeit ist, wird geschlafen. Sobald wir abends ins Bett gehen, stehen wir nicht mehr auf. Der Schnuller wird hier schon lange heiß geliebt und wir sind bei dem Thema auch sehr entspannt, denn uns war klar, dass es sich von alleine regeln wird und so war es nun auch. Am Wochenende darf sie bei uns im Bett „Youtube Kids“ gucken – mit einem Timer und natürlich ausschließlich Videos, die für ihr Alter freigegeben sind. Damit sie versteht, was Wochenende bedeutet, habe ich ihr eine Wochenschnecke gebastelt, auf der sie quasi jeden Tag ablesen kann, wann wieder Wochenende ist. Ach und wenn wir schon dabei sind: auch beim Trockenwerden, werden unsere Kinder zu nichts gedrängt, sondern dürfen selber entscheiden, wann sie das Töpfchen nutzen möchten.

Wir möchten, dass unsere Kinder nichts heimlich machen müssen, dass sie mit allem zu uns kommen können. Ich möchte aber auch, dass ich mich nicht jeden Tag mit meinen Kindern streiten muss und ihnen andauernd erklären muss, wieso was nicht geht. Also erlaube ich es Alma einfach und erkläre ihr, bis zu welchem Punkt etwas in Ordnung ist. Auch, wenn ich  einer 2 ½ Jährigen noch nicht mit Vernunft zu kommen brauche, da sie das nicht versteht, versuche ich, ihr immer zu erklären, wieso dies oder jenes bei uns so gehandhabt wird und staune nicht schlecht, wenn sie meine Erklärungen abnickt und sich beim nächsten Mal dran erinnert.

Ich, nein, wir als Elternpaar, haben uns dafür entschieden, uns nicht ablenken oder beirren zu lassen. Es gibt 1000 Wege, um nach Rom zu kommen, es gibt 1000 Wege, um seine Kinder großzuziehen und ich bin mir sehr sicher, dass ein Kind, das kein Zucker essen darf, kein Fernsehen gucken darf oder nicht im Elternbett mitschläft, auch ein ganz wunderbarer Erwachsener wird. Doch ich bin mir auch sicher, dass es kein besserer wird. Wir wollen die Zeit, bis unsere Kinder erwachsen sind, genießen und unser Ding machen: maximal entspannt, maximal liebevoll, maximal gelassen. Damit wir weiterhin glückliche Kinder haben und glückliche Eltern bleiben.