geschrieben von Alina Peeling

Ich habe hässliche Füße. Unglaublich hässliche Füße. Vor allem die Zehen sehen malträtiert aus. Krumm, krüppelig, schief. Doch wenn ich nach unten blicke, sehe ich nicht nur die XXL-Zinken aus dem Auenland, sondern die grünen Nike-Sneaker. Meine Sneaker der Begierde aus den Neunzigern. Ich dürfte in der 6. oder 7. Klasse gewesen sein, als ich mein Herz an sie verlor. Meine Eltern haben mich in meiner Erinnerung modisch und funktional eingekleidet, aber haben darauf geachtet, dem Gejammer nach Markenprodukten nicht nachzugeben. Doch das wochenlange Jaulen nach den Nikes war wohl unüberhörbar. Das Problem: Im Schuhladen gab es nicht mehr meine Größe. Mit einem aufgesetzten Lächeln quetschte ich mich wohlwissend in die kleinere Größe, nickte eifrig und versicherte, dass alles super bequem ist. Monatelang lief ich stolz, aber voller Schmerzen über den gesprenkelten Gummiboden im Klassenzimmer. Ich bilde mir bis heute ein, dass diese dummen Schuhe Schuld an meinem Zehendebakel sind. Beziehungsweise meine Sehnsucht nach diesen dummen Schuhen.

Ein gutes Opfer

Knapp 20 Jahre später trage ich an den Füßen Reebok und auf dem Rücken einen fünfmonatigen Sohn. Ich schäme mich dafür, aber ich muss klipp und klar sagen: Ich stehe auf Marken. Ich lasse mich leicht manipulieren. Ich empfinde beim Shopping eines Markenprodukts eine größere Befriedigung. Es ist, als würde mein Gehirn mehr Endorphine ausschütten als bei Discounterware. Die Werbung hat in mir ein gutes Opfer gefunden. Ich bin ein schwaches Lamm, bereit, von den Konzernen mit fletschenden Zähnen von der Weide gerissen zu werden.

Bei der Kleidung meines Babys sind mir Logos oder Zeichen egal. Aber ich empfinde Freude, wenn es Bodys oder Strampler von speziellen Läden oder Online-Shops trägt. Das ist total absurd. Wichtig ist schließlich, was drin steckt: mein Speckbär, mein Schietbüdel, mein Süßkeks. Ich merke trotzdem, dass ich mein Kind in bestimmten Marken süßer finde. Ich bleibe öfter am Hochstuhl stehen, streichel öfter über seinen schönen Wollpulli, schieße mehr Fotos, bücke mich öfter entzückt über ihn. Passiert mit ausgewaschenen Shirts vom Hofflohmarkt zwar auch, aber spürbar weniger. 

Bullerbü-Style

Oft werde ich über Werbung auf Instagram getriggert (verfluchter Algorithmus trifft den Geschmack zu gut). Ich rege mich gerne über Influencer auf, die ihre Kinder nur in Sandfarben, Beige oder Grau einkleiden. Gerne alles aus Wolle, Seide, Musselin, Leinen. Dazu tragen die Kindermodels süße Mützen und tanzen barfuß über einen Waldboden mit warmen Filtern. Diese Kids sehen immer aus wie in einem schwedischen Naturschutzgebiet um 1910 herum. Natürlich, öko, unschuldig. Der Bullerbü-Style. Alles genderneutral. Dabei erwische ich mich, wie ich erst mit den Augen rolle und dann bei Mamikreisel die Marke „in günstig“ suche. Nach Versand ärgere ich mich dann, dass der Strampler keine Knöpfe zwischen den Beinen hat und nur bei 30 Grad gewaschen werden darf. Haben sich die Kinder um 1910 nie vollgekackt?

Da ich selber Markenopfer bin, frage ich mich, wie ich es meinem Kind später je verübeln soll. Auch ich wollte in der Schulzeit einen coolen Scout mit Astronauten, keinen peinlichen 4You mit ergonomischem Rückeneinsatz. Ich habe neidisch den Mädels aus meiner Stufe hinterhergeschaut, die sich eine Miss Sixty Jeans leisten konnten, aus der der String-Tanga so neckisch hervorlugte. Dabei hatte sich meine Mutter extra für eine Schule entschieden, in der Materielles und Oberflächlichkeiten nicht an der Tagesordnung standen. 

Man möchte immer mehr

Meine Eltern wohnten quasi in einem Familienviertel zwischen Hochhäusern im sozialen Brennpunkt und einem Bonzen-Stadtteil, in dem Villen stehen und ständig blonde Mädchen mit Pferdeschwanz und Hockeyschlägern auf dem Rücken auf ihrem Rad vorbeifahren. Im Norden: der getunte BMW. Im Süden: der Mini Cooper. Dazwischen: meine Eltern mit ihrem Renault Clio. Auch schultechnisch gab es die Wahl zwischen elitärem Quatsch und einer Schule, auf der gerne Handys geklaut wurden. Nachdem meine Mutter beim Elternabend die Fotos der Klassenreisen nach Sankt Moritz auf dem Schulflur sah, stand fest: Es geht auf die bunte Schule. Sie wollte nie, dass ich mich schlecht fühlte, weil ich nicht mit Tasche XY auf dem Schulhof erschien. Doch das war auch auf der anderen Schule nicht unvermeidbar. Aber als blöder, unbelehrbarer Teenie möchte man immer mehr. Und das immer bockiger. Heute tut es mir leid. 

Während ich diesen Artikel schreibe, erzählt mir der Vater meines Kindes aus seiner Schulzeit. Er wurde gemobbt. Als viertes Kind einer alleinerziehenden Mutter hat er gefühlt jedes Kleidungsstück seiner Geschwister getragen und hatte kein einziges Paar Markenschuhe. Heute heißt er die Erziehung seiner Mutter gut. Damals habe er es verflucht. „Wo hast du deine Schuhe her? Aus dem Zigarettenautomaten?“, riefen die anderen Kinder. Mein Freund war in der Schule Außenseiter. Ein witziger, charmanter, lieber Junge wird zum Außenseiter, weil er nicht die passende Kleidung trägt. Soziale Ausgrenzung durch Markendruck. So war es schon vor langer Zeit, und so ist es noch heute. Die Kids wollen ein bestimmtes Logo, um „dazuzugehören“. Muss das auf unsere Schulhöfe gehören?

Zwischen Glanz und Würde

Dabei begleitet uns Markendruck noch lange nach dem Abschluss. Meine Mutter – beinahe Rentnerin – flunkert ihre Freundinnen teilweise sogar noch heute an. Die Tunika von Bonprix wurde dann in „einem kleinen Laden im XY-Viertel“ gefunden. Und schon wird das Kleidungsstück für den Betrachter aufgewertet und seine Neugierde geweckt. Image ist alles. Ich habe das einmal selbst ausprobiert. Mein Baby trug einen Waldtier-Pyjama von Tchibo. Auf die Frage eines Kumpels hin, wo das süße Teil denn her sei, sagte ich lässig: „Ach, so ein Berliner Label, kleines Start-Up in Kreuzberg. Die machen genderneutrale Bio-Kleidung aus Merinowolle“. Seine Bewunderung stieg ins Unermessliche. Er war richtig beeindruckt. Ich habe ihn dennoch aufgeklärt. Der Pyjama verlor für ihn seinen Glanz, aber ich behielt meine Würde. 

Dass ich mein Kind in Markenklamotten süßer finde, ärgert mich sehr. Es ist etwas, was ich nicht an mir mag. Deshalb arbeite ich aktuell daran. Statt Markenkleidung auf Mamikreisel zu suchen, finde ich große Freude daran, Gebrauchtes von Freunden und Bekannten erneut zu tragen. Ich sehe dann nicht die verwaschene Strumpfhose mit den Punkten, sondern ich sehe das Baby meiner Arbeitskollegin. Wenn ich die blaue Mütze aufsetze, sehe ich den Lockenkopf meiner kleinen Großcousine und wenn ich mein Baby in dem Fellsack im Maxi Cosi festschnüre, sehe ich meine wilde Online-Magazin-Chefin (danke für den Sack, liebste Nina!). 

Was bleibt, ist dennoch Ratlosigkeit. Wie werde ich mein Kind erziehen? Was ist ein cleverer Weg rund um den Markendruck? Eigentlich vertraue ich immer auf mein Bauchgefühl. Aber bei dieser Thematik fühle ich keine Tendenz, sondern nur ein riesiges Fragezeichen. Dabei muss ich an drei Beispiele denken. Mein Freund, der keine Marken besaß und gemobbt wurde. Eine Freundin, die lediglich Marken trug und aus der eine extrem oberflächliche junge Frau geworden ist. Oder eben mich, die mit schmerzenden Zehen über den Schulhof schlurfte. Ein richtig gutes Beispiel habe ich bisher nicht gefunden. Also, liebe Leser*innen, wer auch immer schlaue Erziehungstipps oder einen guten Mittelweg für sich und seine Familie gefunden hat, bitte kommentiert. Schreibt. Gibt Ratschläge. Gegen meine Ratlosigkeit. Für mich. Für meinen Sohnemann. Und seine Zehen.