häusliche Gewalt

 

 

In China stieg die Anzahl der Fälle von häuslicher Gewalt mit den Beschränkungen für den Ausgang an. Aber hier in Deutschland passiert das nicht, nein auf keinen Fall. Eine wünschenswerte Situation für alle Betroffenen, doch leider sieht die Realität anders aus.

Selbst ohne die Ausgangsbeschränkungen sind die Zahlen unerträglich hoch, denn jede einzelne geschädigte Person ist eine zu viel. Obwohl häusliche Gewalt auch Männer trifft, circa 20 Prozent aller Opfer sind männlich, erzählt dieser Text die Geschichte einer Frau. Eine von ungefähr 114.400 betroffenen Frauen jährlich. Laut dem Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ist jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen und etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner.

Lisa* ist die Mutter von zwei kleinen Kindern, wohnt im Kölner Umland und hat einen Schäferhund. Sie wurde von ihrem Ex-Mann beschimpft, manipuliert und mehrfach vergewaltigt. Sieben lange Jahre blieb die junge Frau bei ihrem Peiniger, aus finanzieller Not, ihrem ältesten Kind zuliebe und aus purer Angst.

Mit gerade einmal 15 Jahren lernte Lisa ihren heutigen Ex-Mann über eine gemeinsame Freundin kennen, mit 18 zog sie zu ihm. Schon früh begann er psychischen Druck auf sie, damals noch ein unsicheres Mädchen, auszuüben. Er demütigte sie, beleidigte sie und pflanzte ihr langsam aber sicher noch mehr Selbstzweifel ein.  Während Lisa die beiden Ausbildungsgehälter zusammenhielt, gab er mehr Geld aus als sie hatten. Er ging abends mit Freunden aus und brachte sogar fremde Frauen mit in die gemeinsame Wohnung. Das seien nur Freundinnen, nur Bekannte. Doch sie merkte ihm an, dass er mehr von ihnen wollte und es auch von einigen Frauen bekam. Er betrog sie mehrfach und das junge Paar hatte schon da immer wieder Streit. Ihr Ex-Mann schob ihr die Schuld zu und schrie sie an oder ignorierte sie teilweise tagelang, bis sie sich letztendlich des lieben Friedens willen entschuldigte. So bekamen es die beiden wieder hin, klärten die Situation und die Beziehung kam zur Ruhe. Bis die Lage wieder eskalierte. Und wieder. Und wieder.

Nach jedem Streit – nach jeder erneuten Schuldzuweisung – glaubte sie immer ein Stückchen mehr, dass es wirklich an ihr lag, dass sie tatsächlich schuld an allem wäre. Heute weiß sie, das stimmt nicht. Wenn sie damals betrogen wurde und daher sauer war, dann durfte nur sie sauer sein und nicht er. Bis zu dieser Erkenntnis war es ein weiter und schmerzhafter Weg.

Er hatte sie so sehr manipuliert, dass ihr erst in der Frühschwangerschaft des gemeinsamen Kindes, nach fünf Jahren Beziehung und einigen Monaten Ehe, bewusst wurde, dass etwas schief läuft. Dem Paar stand wegen seiner unregelmäßigen Arbeitsverhältnisse nur ihr zuverlässiges Einkommen zur Verfügung. Aus diesem Grund bat Lisa wiederholt ihren Ex-Mann darum, zu sparen, da das Paar sonst nicht über den Monat kommen würde. Eines Tages erfuhr sie, dass er hinter ihrem Rücken mehrere Hundert Euro für Massagen ausgab und wenig später sogar ein Boot kaufte. Das alles bezahlte er von dem Geld, was ohnehin viel zu knapp war. Er log sie ständig an, ließ sich grundlos krankschreiben und tat wochenlang so, als würde er normal zur Arbeit gehen. Wenn er etwas durchsetzen wollte und sie sich widersetzte, dann vergewaltigte er sie –und das nicht nur einmal.

Meist bereute er seine Taten, beteuerte unter Tränen, dass es nie mehr passieren würde. Doch wiederholt beleidigte er sie: „Du bist wie ein Parasit, du nistest dich ein und frisst dich durch…“, war sauer auf die werdende Mutter und sprach tagelang nicht mit ihr. Aus Angst entschuldigete sie sich doch immer wieder bei ihm, eines Tages aber mit der neuen Erkenntnis, dass es nicht so weiter gehen kann. Sie wollte sich trennen.

Wie auch Frau Dr. Bärbel Heide Uhl, Referentin für Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit des Netzwerks der brandenburgischen Frauenhäuser e.V. (NbF), versichert, ist es oft nicht einfach, diesen Punkt zu überwinden und das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, oft ist da „dann auch eine wirtschaftliche Abhängigkeit, da ist eine emotionale Abhängigkeit, weil Gewalt natürlich auch eine Art ist, im negativen Bereich jemanden an sich zu binden. Und da rauszukommen ist sehr schwierig.“ Wenn die Frauen es schaffen, sich von ihrem Peiniger zu lösen, endlich wieder Freiheit zu erlangen, wird der langersehnte Moment der Trennung zu dem vielleicht gefährlichsten ihres Lebens. Wie Sozialwissenschaflter/Innen laut Frau Dr. Uhl erforscht haben, werden die meisten Tötungsdelikte an Frauen in dem Moment begangen, wo das Opfer den Mann verlassen will. Diese Morde an Frauen werden Femizide genannt. Alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner, Expartner oder durch häusliche Gewalt umgebracht. Jeden. Dritten. Tag.

“Und so versuchen viele Frauen, diese Balance zu halten und zu sagen, ok, ich halte das jetzt noch aus, ich halte es für mich und für meine Kinder aus. Ich halte es aus, aber wenn ich [ihn] jetzt verlasse, dann habe ich Angst um meine eigene Sicherheit.‘ Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Moment der Trennung lebensgefährlich für die Frau in einer Gewaltsituation sein kann. Und das ist oft der wichtigste Grund, warum Frauen lange in der Gewaltspirale bleiben.“, so Frau Dr. Uhl.

Die befreiende Situation entstand für Lisa, als ein gemeinsamer Freund des Ehepaares mitbekam, dass ihre Ehe kurz vor dem Scheitern war. Da er nicht den wahren Grund für ihr Unglück kannte, wollte er helfen, die Beziehung zu retten. Die junge Frau nahm allen Mut zusammen und bat ihn darum, nicht die Ehe, sondern sie zu retten. Allein mit einem Baby, nur Elterngeld zur Verfügung, Schulden durch den Partner und der unbändigen Angst vor ihrem Ehemann, hatte sie weder die Kraft noch die finanziellen Mittel, allein aus dieser Hölle zu entfliehen. Lisa erzählte dem Freund von der psychischen Gewalt und den Vergewaltigungen. Er half ihr bei der Wohnungssuche und unterstütze sie, als es finanziell eng wurde.

„Mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen und sich aus dieser Isolation zu befreien“ seien, so Frau Dr. Uhl, gute erste Schritte für Opfer. Doch das Virus Covid-19 und die daraus resultierenden Ausgangsbeschränkungen oder gar Quarantänen haben auch hier schlimme Folgen. Eine außenstehende Person in der heutigen Situation zu kontaktieren, ist problematischer denn je. „Natürlich gibt es viele telefonische Hilfsangebote, die sind aber umso schwieriger, wenn man in der Gewaltsituation […] und auf engstem Raum mit dem Täter zusammen ist.“ Wenn häusliche Gewalt gegen Frauen gerichtet wird, ist es manchmal der einzige Ausweg, in ein Frauenhaus zu gehen. Doch auch hier gibt es Schwierigkeiten: „Wir haben jetzt schon in einigen Häusern keinen Platz mehr. Das [Problem] haben wir aber auch außerhalb von Corona Zeiten.“ Laut Frau Dr. Uhl haben geschätzt 80 Prozent der Frauen Kinder, die selbstredend im Frauenhaus mitaufgenommen werden. Was passiert also, wenn die Häuser voll sind oder gar eine Frau an Corona erkrankt? „Wir brauchen auf jeden Fall einen Plan B. Wenn wir die ersten positiv getesteten Fälle in den Frauenhäusern haben, die haben wir zum Glück noch nicht, […] werden diese unter Quarantäne gestellt. [Wir] brauchen alternative Unterbringungsmöglichkeiten.“ Frau Dr. Uhl ist froh über die gute Kommunikation mit den relevanten Behörden, aber auch über private Angebote, Wohnraum für die Frauen zur Verfügung zu stellen. Es dürfe aber nicht vergessen werden, dass die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser die Betroffenen auch „beraten, begleiten [und] einen Plan entwickeln, wie sie aus der Gewaltsituation wieder in ein selbstbestimmtes gewaltfreies Leben kommen.“ Einen ersten wichtigen Schritt ist beispielsweise das Land Brandenburg letzte Woche gegangen. Die Frauenhausarbeit wurde als systemrelevant eingeschätzt, eine längst überfällige und hoffentlich bleibende Entscheidung. Frau Dr. Uhl ist der Meinung, „Gewalt gegen Frauen ist eine Gefährdung der inneren Sicherheit, das geht die gesamte Gesellschaft an.“

Wäre ein Frauenhaus auch für Lisa ein Ausweg gewesen, wenn Covid-19 schon einige Jahre früher ausgebrochen wäre?

Ihr Ex-Mann ließ sie nie allein mit ihrem Kind aus dem Haus. Wäre er durch eine Ausgangsbeschränkung permanent daheim gewesen, hätte es für die junge Frau keine Möglichkeit gegeben, heimlich Nachrichten zu schreiben oder gar zu telefonieren, um sich Hilfe zu holen. Der Gedanke, dass die jetzige Corona-Pandemie schon einige Jahre früher da gewesen wäre, löst in Lisa nachträglich Panik aus. Sie befürchtet, ihre Situation hätte sich dadurch noch verschlimmert und dass er sie letztendlich vielleicht auch geschlagen hätte.

Seit zwei Jahren sind sie nun getrennt und noch immer hört sie seine Worte: „Ohne mich bist du nichts, ohne mich hast du nichts, ohne mich kannst du nichts!“ Das mindestens zweimal die Woche ins Gesicht geschrien bekommen zu haben und regelmäßig missbraucht worden zu sein, hinterließ tiefe Wunden. Lisa leidet seither an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Um nachts schlafen zu können, benötigt sie Medikamente und macht seit der Trennung eine Therapie. Das damalige Paar hat einen gemeinsamen Sohn, der momentan bei der ehemaligen Schwiegermutter lebt. Seit nunmehr eineinhalb Jahren streiten beide über das Aufenthalts- und Umgangsrecht, wodurch es kaum möglich ist, ihren Ex-Mann komplett aus ihrem Leben zu verbannen. Trotz ihrer Vergangenheit und der großen Sehnsucht nach ihrem Erstgeborenen, ist es der jungen Frau mittlerweile gelungen, auch wieder Glück in ihr Leben zu lassen. Sie hat einen neuen Lebensgefährten und mit diesem ein weiteres Kind.

Lisa ist die Mutter von zwei kleinen Kindern, wohnt im Kölner Umland und hat einen Schäferhund.

Sie ist kein Opfer mehr!


Wenn auch du von häuslicher Gewalt betroffen bist oder Angst davor hast, dass es dazu kommt, dann suche dir bitte Hilfe! Du hast ein Recht auf ein gewaltfreies und glückliches Leben. Und falls du ein Elternteil bist, tu es deinen Kindern zuliebe.

Hab bitte keine Angst, dass dir nicht geglaubt wird! Lass dich nicht verunsichern oder entmutigen. Wenn dir jemand nicht glaubt, dann ist es für deine Situation nicht die richtige Person. Versuch es unbedingt weiter! Du bist es wert!

Hier bekommst du Hilfe:

In einer akuten Gewaltsituation:

110, bitte ruf die Polizei, wenn du um dein Leben bangst!

Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen” des Familienministeriums:

08000 116 016, jeden Tag 24 Stunden erreichbar

BIG-Hotline für Betroffene oder deren Umfeld:

030 611 03 00, jeden Tag von 8 bis 22 Uhr

Alternativer E-Mail-Kontakt über beratung@big-hotline.de

Opfer-Telefon des Weißen Rings:

116 006, täglich von 7 bis 22 Uhr

“Nummer gegen Kummer” für Kinder und Jugendliche:

116 111, montags bis samstags von 14 bis 22 Uhr

“Nummer gegen Kummer” Elterntelefon:

0800 111 0550, montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr, dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr

Du befürchtest, eine Person in deinem Umfeld leidet unter häuslicher Gewalt? Bitte hilf der betroffenen Person, vielleicht kann sie sich selbst nicht helfen. Hier findest du konkrete Handlungsvorschläge des Netzwerkes brandenburgischer Frauenhäuser e.V.:

  1. Hinschauen: Augen auf! Ohren auf! Nicht ignorieren! Jetzt ist mehr denn je die Nachbarschaft gefragt.
  2. Informieren: Druckt Zettel mit der Rufnummer des bundesweiten Hilfetelefons aus und hängt sie im Hausflur auf oder werft sie in alle(!) Briefkästen des Hauses: 0800 0116 016
  3. Deeskalieren: Nur wenn eure eigene Sicherheit nicht gefährdet ist: Unterbrecht Konfliktsituation mit einem harmlosen Anliegen. Wenn die Nachbarn schreien, geht klingeln und borgt euch Mehl.
  4. Kontaktieren: Nehmt Kontakt zu Betroffenen auf (Achtung! Nicht vor dem Täter) und bietet an, zuzuhören, Hilfe zu vermitteln, euer Telefon zu benutzen etc.
  5. Alarmieren: Wenn es richtig knallt hinter der Wand, dann zögert nicht und ruft die Polizei unter 110. Der Anruf kann ein Leben retten!

Weitere Vorschläge findet ihr unter:

https://www.nbfev.de/wp-content/uploads/2018/10/RosaRot-Begleitbroschur_web.pdf

*Name geändert